Was ist Tinnitus

Das Phänomen Tinnitus (lateinisch = klingeln, klingen) kennen die Meisten in unterschiedlicher Ausprägung aus eigener Erfahrung. Es ist eine unspezifische Empfindung (Symptom) des Gehörs. Ähnlich den Symptomen einer Sehminderung, subjektiven Lichtblitzen oder Lichtempfindlichkeit führen Ohrgeräusche meist zu Hörminderung, Tinnitus oder Geräuschüberempfindlichkeit.

Arten des Tinnitus

In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Ohrgeräuschen um einen so genannten „subjektiven Tinnitus". Dieser ist gleichförmig (also nicht pulsierend). Er ist  ein- oder beidseitig im Kopf hörbar und kann außer vom Betroffenen selbst von niemand sonst gehört werden und beruht nicht auf Einbildung.

Davon streng unterschieden werden muss der pulsierende, „pulssynchrone“, meist einseitige Tinnitus, der von realen ohrnahen Geräuschquellen der Blutgefäße ausgeht und daher als „objektiver Tinnitus“ klassifiziert wird.

Mögliche Vorbeugemaßnamen

Die bekannteste Vorbeugemaßnahme bei Tinnitus ist zunächst der Lärmschutz: Viele Menschen in Beruf und Freizeit setzen sich immer wieder extrem lauten Geräuschen aus. Hörschutz ist die beste Prophylaxe. Hier hat Köttgen Hörakustik ein Palette von verschiedenen Ausfertigungen: von Hörschutz bei der Arbeit bis zu Hörschutz bei Musikern, Jägern und weiteren Freizeitaktivitäten.

Besteht eine große Überempfindlichkeit, ist die Behandlung der Geräuschempfindlichkeit eine gute Maßnahme, um einen sich aus der Geräuschempfindlichkeit heraus entwickelnden Tinnitus vorzubeugen (J.Vernon). Wenn eine Schwerhörigkeit besteht, sollte mit einer individuellen und frühzeitigen Hörgeräteversorgung die Kommunikationsfähigkeit wiederhergestellt und weiteren negativen Begleiterscheinungen vorgebeugt werden.

Therapie und Heilungschancen

Der Tinnitus selbst ist ein Begleitsymptom unterschiedlichster Erkrankungen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass eine “Tinnitustherapie” nur über den Weg der Heilung der damit verbundenen Erkrankungen erfolgreich sein kann. Dies ist im frischen/akuten Stadium des Tinnitus am ehesten möglich, aber auch später gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, dem Tinnitus etwas entgegenzusetzen, wobei die Zukunft des chronischen Tinnitus nicht aussichtslos ist: Etwa ein Drittel der Betroffenen verlieren ihren Tinnitus im Verlauf der Jahre komplett.

 

MIT TINNITUS UNBESCHWERT LEBEN

Oft lassen sich die Ursachen beheben oder gut behandeln. In vielen Fällen kann das Ohrgeräusch wieder völlig abklingen, es kann aber auch bleiben. Prinzipiell ist es aber wichtig, gleich zu Beginn des Tinnitus eine fachärztliche Untersuchung anzustreben, um eine mögliche Ursache zu finden, die dann behandelt werden sollte. Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass die Tinnitus-Wahrnehmung im Gehirn entsteht und nicht durch das Hörorgan (Ohr) erzeugt wird. Diese zentrale Erkenntnis ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie.

TINNITUS RETRAINING THERAPIE NACH ADANO (TRT/ADANO)

Man nimmt an, dass Ohrgeräusche aufgrund mangelhafter Filterwirkung des Gehirns in Einzelfällen zur menschlichen Wahrnehmung gelangen. Dieser Prozess ist unter bestimmten Voraussetzungen reversibel und daher die Grundlage der bewährten und durch internationale Studien belegten Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) beim chronischen Tinnitus. Der Therapiezeitraum erstreckt sich erfahrungsgemäß über 1,5 - 2 Jahre. Bei einem chronischen Tinnitus ist die Tinnitus-Retraining-Therapie als eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen HNO-Arzt, Psychotherapeut und Hörgeräteakustiker gefragt. Vom HNO-Arzt wird die Diagnose gestellt, der ärztliche oder psychologische Psychotherapeut befasst sich mit dem Angstabbau bei den Patienten und hilft bei der Entspannung. Dann setzt der Hörakustiker an:  

Ein einfach zu veranlassender, aber wichtiger und wirksamer Therapieversuch bietet sich dann an, wenn neben dem Tinnitus eine Hörminderung bzw. Schwerhörigkeit besteht. Durch die Anpassung eines Hörgerätes (HG) können wieder mehr Geräusche wahrgenommen werden. Die dadurch verstärkten Umgebungsgeräusche lenken vom Tinnitus ab, ohne ihn zu verstärken. Alternativ dazu verfügen einzelne Hörgeräte über eine Kombination aus Hörgerät und Tinnitus-Noiser/-Masker. Diese sog. Tinnitus-Instruments bieten eine alternative oder gleichzeitige Nutzung der Hörgeräte- und Tinnitus-Noiser/-Masker-Funktion. Der Hörakustiker individualisiert dazu neben den eigentlichen Hör-Programmen ein spezielles Tinnitus-Programm welches der Nutzer je nach Bedarf und Empfehlung zur Therapie anwählen und nutzen kann.

 Vor allem in ruhiger Umgebung ist die Belästigung des Tinnitus meist deutlich höher als in geräuschvoller Umgebung, deshalb gilt der Rat für alle Tinnitus-Patienten, die Stille zu meiden und sich mit Geräuschen zu umgeben. Ziel soll es sein, die Wahrnehmung des Tinnitus abzuschalten, indem man lernt wegzuhören. Dazu ist eine ausführliche Aufklärung, Übung und Motivation notwendig, wobei auch die Selbsthilfegruppen unterstützen können.

Es besteht in fachlichen Kreisen weitgehende Übereinstimmung, dass die Hörtherapie mit einem HG indiziert ist, wenn  eine Hörminderung bzw. Schwerhörigkeit vorliegt. Es konnte gezeigt werden, dass sich bei 70% der Betroffenen eine  Verbesserung der Tinnitus Belastung durch ein Hörgerät auch bei geringem (Hochton-) Hörverlust erreichen lässt. Mit modernen digitalen Hörgeräten lassen sich jetzt auch Patienten mit Hochtonschwerhörigkeit und hochfrequentem Tinnitus besser versorgen, als noch vor Jahren.

Im Fall einer Anpassung von Hörgeräten erfolgt diese generell entsprechend den geltenden Hilfsmittelrichtlinien und durch den qualifizierten Hörakustiker. Gerne beraten wir Sie persönlich in einem unserer Fachgeschäfte.

SOUNDTHERAPIE MIT RAUSCHGENERATOR (RG), 'MASKER' BZW 'NOISER' (TG)

Damit Betroffene mit Normalhörigkeit mit dekompensiertem Tinnitus ruhige Freizeit- oder Arbeitstätigkeiten besser tolerieren können, ist die Anpassung und Nutzung eines “Rauschgenerators (RG),  “Noisers” oder “Maskers”- nach den Heil- und Hilfmittelkatalog offiziell als „Tinnitusgerät (TG)“ bezeichnet - im Gebrauch. Sie ähneln einem Hörgerät, produzieren ein leises, aber angenehmes und annähernd verdeckendes Rauschen und kommen bevorzugt in ruhiger Umgebung zur Anwendung. Damit kann der Tinnitus „umspielt“ werden: Die Wahrnehmung des Tinnitus kann stark zurückgehen, wenn das Gehör andere Geräusche wahrnimmt.

Die dafür speziell geschulten Köttgen Hörakustiker ermitteln Art, Frequenz und den Pegel der Tinnitusintensität, stellen das Tinnitusgerät entsprechend individuell ein und betreuen den Betroffenen während des Therapiezeitraums fortlaufend. Der Gehörgang bleibt dabei weitestgehend frei, somit wird das gewohnte Hörvermögen praktisch nicht beeinträchtigt. Die Technik unterscheidet sich äußerlich grundsätzlich nicht von einem klassischen Hörgerät, ist meist als Hinter-dem-Ohr-Gerät, oder auch in Im-Ohr-Gerät verfügbar. Das Im-Ohr-Gerät empfiehlt sich nur bei einem weiten Gehörgang, damit es den Ohrkanal nicht verschließt. Gerne beraten Sie unsere Hörakustiker vor Ort zu weiteren Details dieser Therapieform in einem unserer Fachgeschäfte.

COUNSELING / BERATUNG

Beratung bei Tinnitus beinhaltet zu einem großen Anteil die Informationsvermittlung über die Funktionsweise und mögliche Fehlfunktionen im Hörsystem, die Möglichkeiten der Einflussnahme darauf sowie Erklärungen zu Sinn und Unsinn von verschiedenen medizinischen Anwendungen oder Heilversuchen. Hinzu kommt die Informationsvermittlung über häufige Folgesymptome des Tinnitus, wie Schlafstörungen und Depressivität. Schon seit Beginn der medizinisch-wissenschaftlichen Beschäftigung mit Tinnitus wurde die Beratung (Counceling) des betroffenen Patienten als zentraler Behandlungsansatz heraus gestellt. Diese Beratung gilt als 'das Kernstück der Tinnitus-Therapie'.

Der zweite große Komplex eines Counceling umfasst beratende Hinweise im engeren Sinne. Diese beziehen sich u.a. auf Verhaltensweisen der Krankheitsbewältigung, den Umgang mit Schlafstörungen, Vor- und Nachteile von langfristigen Krankschreibungen wie auch günstige Verhaltensweisen bei bestehender Hörminderung.

GIBT ES SIE, DIE TINNITUSPILLE?

"Eine tinnitus-symptom-bezogene Arzneimitteltherapie steht nicht zur Verfügung" stellt die  Leitlinie Chronischer Tinnitus [AWMF 2016] fest. Trotz zahlreicher Studien in den vergangenen Jahrzehnten gibt es keinerlei Wirknachweis für einen medikamentösen Ansatz, weder auf die Beseitigung des Symptoms Tinnitus noch auf eine Reduktion der Lautheit.

Es kann aber Sinn machen, die Tinnitus-Belastung dadurch zu senken, dass die häufig sehr belastende Schlafstörung und die psychische Begleiterkrankung (Depression, Angst) übergangsweise psychopharmakologisch reduziert wird (vgl. AWMF 2016). Eine Psychotherapie sollte bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung aber immer die Behandlung erster Wahl sein.

 

ENTSPANNUNGSTECHNIKEN

Bei verschiedenen Arten des Tinnitus sind vor allem Entspannungstechniken hilfreich, um Stress abzubauen und damit die Wahrnehmung des Tinnitus zu reduzieren. Bei Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule (siehe oben) sind physiotherapeutische Maßnahmen eine gute Therapie.

Es gibt eine Unzahl an alternativen Behandlungsmethoden, bei denen aber teilweise noch nicht ausreichend wissenschaftliche Erfolge vorliegen. Über den HNO-Arzt kann man sich über verschiedene Behandlungsmethoden informieren, ebenso wie über die Deutsche Tinnitus-Liga DTL.

 

TINNITUS APPS

 

Verschiedene Hörgeräte-Anbieter entwickelte Tinnitus-Apps, die vom Nutzer oder vom Hörakustiker auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können. Somit ist die Tinnitus-APP jederzeit über das Smartphone und überall nutzbar.

(Diese Verfahren sind bisher nicht sicher wissenschaftlich belegt.)

Diagnose

Zunächst misst man immer eine evtl. vorhandene Schädigung der Haarsinneszellen mittels Audiometrie/Hörtest. Man vermutet, dass der Tinnitus durch eine fehlende Filterung entsteht, die diese Störungen in der Reizweiterleitung herausfiltern. Selten entsteht ein Tinnitus auch durch einen zentralen Hörverlust. Beim objektiven Tinnitus lassen sich die Schallquellen meistens objektivieren, z. B. mit Hilfe von Stethoskop, Mikrophon, Hörschlauch, CT, NMR, Angiographie. Ursächlich sind gefäßbedingte, muskuläre oder durch den Atem bedingte (respiratorische) Phänomene zu nennen. In der Regel hören sie sich pulsierend an, synchron mit dem Herzschlag („pulssynchron“).

Nach gründlicher HNO-Diagnostik und Akutbehandlung des Tinnitus-Auslösers gibt es durchaus Strategien, auch den chronischen Patienten zu helfen. Bei guter Kooperation zwischen HNO-Fachärzten, psychotherapeutisch tätigen Fachleuten, Hörakustiker und Selbsthilfeorganisation (Selbsthilfegruppen der DTL)  lassen sich Gesundheit und Zufriedenheit optimieren.

Entstehung und Auslöser

Generell wird davon ausgegangen, dass eine Innenohr-Schwerhörigkeit eine veränderte Aktivität der zentralen Hörwahrnehmung  begünstigt und sich daraus ein Tinnitus entwickeln kann. Auch laute, plötzliche Schallereignisse, wie Sylvester Knaller oder auch schon das ohrnahe Abfeuern einer Spielzeugpistole, können zu einem Knalltrauma führen. Dabei werden, je nach Särke des Knalls, die feinen Strukturen der Haarsinneszellen zerstört und ein Hörschaden, mit dem ein Tinnitus einhergehen kann, entsteht.

Weitere mögliche Tinnitus Auslöser sind Gehörgangsverstopfung durch Entzündung oder Ohrenschmalz, Mittelohrerkrankungen wie akute und chronische Entzündung oder Otosklerose, Innenohrerkrankungen wie Hörsturz, Morbus Menière und besondere Schwerhörigkeitsformen. Häufig befinden sich im Bereich der Halswirbelsäule Schleuderverletzungen, chronische Muskelverspannungen, Fehlstellungen oder Blockierungen bis hin zu Störungen im Kiefergelenksbereich, welche über die Nervenverbindungen zu einem (einseitigem) Tinnitus führen können. Mehr als zwei Drittel der Tinnitus Fälle lassen sich jedoch auf Innenohrschwerhörigkeit als chronisch-voranschreitende Form oder als Lärmschwerhörigkeit, gefolgt von Morbus Menière und Hörsturz zurückführen.

Wie oft kommt Tinnitus vor

Es ist schwierig, die Häufigkeit und das Ausmaß der Tinnitus Belästigung zu bestimmen. 25% der Menschen haben bereits einen Tinnitus erlebt. Etwa jeder sechste Patient in der hausärztlichen Praxis berichtet über Tinnitus. Bis zu 25% der Patienten in den Praxen der Hals-Nasen-Ohrenärzte (HNO) geben einen Tinnitus an.

Seit der repräsentativen Studie von 1999 der Deutschen Tinnitus-Liga wissen wir Genaueres über Vorkommen und Beeinträchtigung durch Tinnitus in Deutschland: Zum Untersuchungszeitpunkt gaben knapp vier Millionen Bundesbürger (älter als 10 Jahre) einen Tinnitus an. Wenn man den sogenannten „Disco-Tinnitus“, der nach lauten Schallereignissen auftritt, aber nach kurzer Zeit wieder verschwindet, mit berücksichtigt, kommt es nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga jährlich bei 10 Millionen Menschen zu einem akuten Tinnitus. Bei etwa 2,7 Millionen besteht ein chronisches (länger anhaltendes) Ohrgeräusch, d.h. jährlich kommt es bei etwa einer viertel Million Personen zu chronischem Tinnitus. 35% dieser Personen hören ihr Ohrgeräusch nur bei Stille, bei 44% lässt sich der Tinnitus durch alltägliche Umgebungsgeräusche überdecken und bei 17% ist der Tinnitus selbst bei großem Lärm wahrnehmbar. Nach einer sechs-stufigen Schweregradeinteilung leiden in Deutschland etwa 1,5 Millionen Bürger mittelgradig bis unerträglich unter Tinnitus, entsprechend etwa 1,1% der Bevölkerung (dekompensierter Tinnitus). Bei 44% besteht zusätzlich eine Geräuschüberempfindlichkeit.

 

 

Die Gestaltung der Seite rund um den Tinnitus ist entstanden mit freundlicher Unterstützung durch:

Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Gerhard Goebel